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1290 Super Duke R: Jeremy McWilliams Entwicklungs-Beitrag

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Jeremy McWilliams ist weithin bekannt, oder nicht? Nordire, ehemaliger MotoGP-Racer, GP-Sieger, Pole-Setter, dazu echt ein guter Typ, der alles auf zwei Rädern bewegt hat – Aprilia, Yamaha, ROC, Harris, Honda, TSR, Proton, Harley, Ilmor, Buell und noch ein paar mehr – plus zwischendurch etliche KTMs. Wer erinnert sich nicht an das Akrapovic RC8 R-Superbike bei zwei IDM-Einsätzen 2009? An gelungene Abstimmungs-Feinarbeit am 690er EJC-Cup-Bike für 2012? Oder den sagenhaften Auftritt mit dem »Beast« beim Goodwood Festival of Speed vor ein paar Wochen? Er fährt auch gerne auf der Straße und nutzt seine ganze Erfahrung immer wieder, um bei der Entwicklung von Serienmotorrädern behilflich zu sein. Wie das bei der KTM 1290 Super Duke R aussah, erzählt Jeremy McWilliams uns hier:

 

»Ich fahre auch auf der Straße Motorrad. Das war schon so, bevor ich mit dem Rennfahren anfing. Mit der Zeit und all der Erfahrung eignet man sich einiges Wissen an. Warum ein Bike so fährt oder nicht. Was das Handling mitbestimmt. Welchen Einfluss die Sitzposition ausübt. Warum das ordentlich einlenkt oder auch nicht. Damit bin ich in der Lage, bei der Entwicklung Input zu geben. Als Rennfahrer ist man es gewohnt, kritisch mit Bikes umzugehen und zu versuchen, das Beste herauszuholen. Und das in einer möglichst kurzen Zeitspanne. Das ist ein Vorteil, wenn es Dinge auszusortieren gilt, die funktionieren sollen.«

 

»KTM wollte während der Entwicklung der 1290 Super Duke R meine Meinung hören. Ich sollte dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. „Sag´ uns einfach, wie und was dir am Besten taugt”, wurde mir gesagt. Natürlich mussten auch alle anderen Testfahrer, und es gibt eine Menge dort, damit dann klarkommen. Man muss sich nur Projektleiter Hermann Sporn anschauen, der ziemlich hochgeschossen ist und auch etwas mehr wiegt als ich. Also habe ich natürlich auch in anderen Dimensionen mitdenken müssen.«

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Jeremy McWilliams mit 1290 Super Duke Projektleiter Hermann Sporn. // Jeremy McWilliams with 1290 Super Duke R project leader Hermann Sporn.

»Als wir anfingen, haben sie mich mit Fragen gelöchert. „Was hältst du von der Sitzposition? Passen die Fußrasten so? Brems- und Kupplungshebel, sagt deren Form dir zu? Sind die Spiegel so okay? Ist das Dashbord an der richtigen Stelle? Was ist mit den Knien beim Sitzen, ist der Winkel komfortabel genug?” Also lauter Dinge über die man sich sonst als normaler Motorradfahrer kaum den Kopf zerbricht. Aber letzten Endes hat alles dazu beigetragen, das Gesamtpaket zu perfektionieren; genau deshalb hatte Hermann mich ja engagiert.«

 

»Etwas, das mir nicht gefiel beim allerersten Prototyp, war die Sitzposition. Sie war mir zu sportlich. Die KTM-Leute waren baff. „Wie bitte? Du bist doch Sportfahrer!“ „Nein”, habe ich geantwortet. „Wenn ich auf einem Straßenmotorrad sitze, will ich nicht rennmäßig unterwegs sein. Ich will vernünftig sitzen.“ Das ist jetzt eineinhalb Jahre her, das Bike war noch in einem frühen Stadium, nicht mal die Plastikteile waren fertig definiert. Seitdem wurden eine Menge Details geändert und verbessert.«

 

»Eigentlich war der Job nicht schwierig. Erstens weil die Möglichkeiten, über die ein namhafter Motorradhersteller verfügt, überwältigend sind, und wir dazu alle denkbaren Freiheiten genossen. Der erste Prototyp war bereits mit diesem Motor und diesem Chassis ausgerüstet. Wir haben also die Geometrie verfeinert, an Ergonomie und Sitzposition gefeilt und das Federungs-Setup ausgearbeitet – für drittklassige Straßen, für glatten Asphalt und für die Rennstrecke. Dafür wurde reichlich auf der Straße als auch auf Rennstrecken getestet. Auf der Straße bin ich ein normaler Motorradfahrer. Auf der Rennstrecke fahre ich wie ein Rennfahrer. So haben wir die Abstimmung Stück für Stück ausgearbeitet. Geholfen hat natürlich, dass die Basis von Anfang an sehr gut funktioniert hat.«

»Auch die Zusammenarbeit mit Bosch bei der Elektronik war angenehm. Da sind sehr clevere Leute am Werk. Ich habe bei der Traktionskontrolle immer mehr und mehr Ansprüche gestellt, weil wie bei der Adventure ein Gyrosensor an Bord ist und das System schräglagenabhängig funktioniert, und sie haben sich angestrengt meine Wünsche zu erfüllen. Jetzt funktioniert alles sehr stimmig. Im Modus „Street“ ist das Eingreifen anders und auch weniger deutlich zu spüren als im „Sport”-Modus. Dann haben wir einen sehr guten „Rain“-Modus erarbeitet; dafür sind wir auf bewässerten Teststrecken mit Straßenreifen gefahren, was auch für mich etwas Neues war.«

 

»Als Naked-Bike soll die 1290 Super Duke R einen breiten Einsatzbereich abdecken. Es gab eine lange Liste mit gewünschten Eigenschaften. Natürlich sollte es schnell sein. Aber es sollte auch taugen in die Stadt zum Einkaufen zu fahren, oder sonstwohin. Es sollte auf kurvenreichen Bergstrecken brillieren und ebenso auf der Rennstrecke funktionieren. Kurzum universell einsetzbar sein und gleichzeitig hochgestochene Erwartungen erfüllen. Die meisten Journalisten beim Testevent in Spanien hatten viel Spaß und waren angetan. Das gefällt einem, klar. Einige hatten erwartet, das Biest würde ihnen die Arme ausreissen, das hat mich dann doch erstaunt.«

»Wer mich heute nach dem idealen Straßenmotorrad fragt, dem antworte ich: die Super Duke R.  Das sage ich nicht, weil ich dran mitgearbeitet habe, sondern weil ich oft genug Motorräder gefahren bin, die recht anstrengend zu fahren sind, beim Einlenken, beim Verzögern usw. Die KTM ist schön leicht und steuert sich auch entsprechend, jedenfalls nicht wie eine 1300er. Man steigt auf und legt einfach los. Sie fühlt sich nicht an wie ein Big-Bike. Aber wenn es vorwärts gehen soll – dann geht´s ordentlich rund.«