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Debrief Dakar 2014: Rückblick mit Alex Doringer

Alex Doringer ist Teamchef des Red Bull KTM Rally Werksteams, dem bei der Rally Dakar mit Marc Coma und Jordi Viladoms ein überzeugender Doppelsieg gelungen ist. Für KTM war es bereits der 13. Dakartitel in Folge. Wir sprachen mit Teamchef Doringer nach der Dakar, um einen Blick zurückzuwerfen.

Wie war es? Erzähle uns von der Rally, Alex.
„Unglaublich hart. Die ersten sieben Tage bis Salta waren wie früher, wie zu Afrika-Zeiten extrem anspruchsvoll. Für die Fahrer und auch für das Team. Sehr lange Etappen, viele Kilometer und lange Fahrzeiten, auch für die Begleitfahrzeuge und dazu noch wenig Schlaf. Die erste Woche der Rally hatte es wirklich in sich; es war enorm anstrengend und sehr ermüdend. Marc hat dennoch eine erstklassige Leistung abgeliefert. Er hat einen kühlen Kopf bewahrt und ist beherrscht ins Rennen gestartet. Nach einer Weile konnte er dann einen kleinen Vorsprung herausfahren, den er immer weiter ausgebaut und bis ins Ziel sehr konzentriert und fehlerfrei verteidigt hat. Das ist umso bemerkenswerter, denn das war mit Abstand die härteste Dakar, seit die Rally in Südamerika ausgetragen wird.”

„[...] das war mit Abstand die härteste Dakar, seit die Rally in Südamerika ausgetragen wird.”

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Erstmals führte die Route der Dakar auch durch Bolivien. Was ist das Besondere an diesem Terrain? 
„Die Strecken dort sind ungewöhnlich anspruchsvoll, noch härter als ohnehin schon, mit reichlich Steinen und üblen Schotterpisten, was die Reifen stark malträtieren kann und auch für das Motorrad extrem belastend ist. Allein die technische Zuverlässigkeit ist also schon eine echte Herausforderung. Dazu kamen die Marathonetappen mit zwei Fahrtagen hintereinander, bei denen über Nacht kein technischer Service erlaubt war. Mit solchen Hürden zurechtkommen zu müssen, bedeutet immer ein bisschen extra Nervenkitzel. Aus technischer Sicht war die Herausforderung gewiss gewaltig; aber auch die Navigation ist wichtig. Wir haben uns entschieden, die Marathonetappe ruhig anzugehen und sie ohne größeren Schaden zu überstehen.”

Doppelsieg für KTM – wie zufrieden ist der Teamchef mit den Leistungen von Marc Coma und Jordi Viladoms?
„Die Dakar ist das wichtigste Offroad-Event überhaupt, so ähnlich wie die Olympischen Spiele. Die Fahrer und das Team arbeiten das ganze Jahr nur auf dieses Ziel hin. Marc ist zu 100% Profi und weiß genau, wie er die Vorbereitung optimal angeht. Unser Team ist nicht nur stark, wir verfügen auch über reichlich Erfahrung, die nicht unterschätzt werden darf. Unsere neue KTM 450 RALLY ist ja eine komplette Neuentwicklung gewesen. Die Leistung von Marc war in zweifacher Hinsicht perfekt, weil er nicht nur bei der Rally alles richtig gemacht hat, sondern auch bei der Entwicklung bereits wichtigen Input gegeben hatte. Alles zusammen hat sich ausgezahlt. Das Motorrad hat perfekt und zuverlässig funktioniert. Das war positiv für die Stimmung im Team und hat alle nochmal extra motiviert. Auch Jordi Viladoms hat Fantastisches geleistet. Er stieß erst kurz nach dem Unfall von Kurt Caselli zum Team. Natürlich waren die Umstände schwierig. Als ich mit ihm Kontakt aufnahm, hat er jedoch gleich zugestimmt, ins KTM Werksteam zurückzukehren. Ich denke, er hat unser Angebot gern angenommen. Er ist früher schon für uns gefahren. Insofern hat es gut gepasst, dass wir nicht nur einen Fahrer, sondern auch einen alten Bekannten ins Team holen konnten. Einen, den wir schätzen, der zu uns passt und der unter den gegebenen Umständen genau der Richtige für uns war. Jordis Performance während der Rally war einwandfrei, er hat unser Vertrauen gerechtfertigt. Er ist dazu ein großartiger Kerl und ein erstklassige Fahrer. Er hat ein Top-Resultat herausgefahren, mit dem ich sehr zufrieden bin. Ich bin happy über alles, was Jordi für uns geleistet hat.”

„Jordi stieß erst kurz nach dem Unfall von Kurt Caselli zum Team. [...] Als ich mit ihm Kontakt aufnahm, hat er jedoch gleich zugestimmt, ins KTM Werksteam zurückzukehren. [...] Er ist früher schon für uns gefahren. Insofern hat es gut gepasst, dass wir nicht nur einen Fahrer, sondern auch einen alten Bekannten ins Team holen konnten.

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Was ist Ruben Faria und ‘Chaleco’ Lopez widerfahren?
Ruben Faria ist unglücklich gestürzt. Das war umso enttäuschender, weil er letztes Jahr Zweiter wurde und sich heuer einiges vorgenommen hatte. Deshalb ist es schade, dass er so früh ausgeschieden ist. Aber so was kann bei der Dakar immer und zu jeder Zeit passieren. Ein Fehler, eine Unachtsamkeit, einmal beim Navigieren gepatzt – jede Kleinigkeit kann blitzschnell unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen. Ruben ist nichts weiter passiert, er wird sein Glück bei der nächsten Dakar erneut versuchen. Wenn er zurückkommt, wird er stärker denn je auftrumpfen, da bin ich zuversichtlich. Chaleco López ist immer enthusiastisch bei der Dakar und stets voller Begeisterung bei der Sache. Er hatte sich perfekt vorbereitet und wollte jede Sekunde der Rally voll auskosten. Unter normalen Umständen wäre er wohl in den Top 5 gelandet oder sogar unter den ersten Drei. Leider ist er in einer schwierigen Bergpassage einen Hang hinabgestürzt, sieben Meter tief. Das war ein herber Schlag für ihn, ausgerechnet bei der Rally in seinem Heimatland nicht bis ins Ziel fahren zu können. Aber die Hauptsache ist, dass er sich nicht schlimm verletzt hat, denn der Crash war ziemlich übel.”

Der von KTM unterstützte Jakub ‘Kuba’ Przygonski aus Polen hat nach dem dritten Rang in der FIM World Cross-Country Rally Championship jetzt bei der Dakar den Platz 6 erkämpft. Eine starke Leistung, oder? 
„Es ist großartig, Kuba fahren zu sehen. Bei der Dakar konnte er sich bisher immer auf seine Brüder verlassen, aber die haben jetzt in die Auto-Kategorie gewechselt. Also war es für ihn kniffliger. Für Kuba war es die fünfte Rally, er hat an Routine zugelegt und wird immer besser. Er ist wirklich großartig gefahren. Konditionell war er top vorbereitet, das war am Ende der Etappen gut zu beobachten. Gefallen hat mir auch, dass er zu unserem Team den Kontakt gesucht und sich Dinge von Coma abzuschauen versucht hat. Kuba hat eine imponierend starke Dakar gezeigt; wenn er so weiter macht, wird er eines Tages noch weiter vorne zu finden sein.”

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Riaan van Niekerk aus Südafrika, ebenfalls ein von KTM unterstützter Privatfahrer, hat das Ziel auf Platz 12 erreicht. Sicher auch eine Leistung, die Applaus verdient?
„Für Riaan war es erst die zweite Dakar. Dass er auf Platz 12 das Ziel erreichte, zeigt, dass er seinem Teammanager offensichtlich immer gut zugehört und alle Tipps perfekt umgesetzt hat. Sein Enthusiasmus ist grenzenlos, er fährt Rallys voller Hingabe und scheint diese spezielle Herausforderung zu lieben. Er vermittelt einem dazu das Gefühl, sehr gerne für KTM zu fahren und jeden Tag dazu zu lernen. Er hat ein gutes Gespür, worauf es beim Navigieren ankommt, was für einen erfolgshungrigen jungen Fahrer, der weiter kommen will, der Schlüssel zum Erfolg ist. Riaan war bemerkenswert fit, was auf sorgfältige Vorbereitung schließen lässt, was ebenfalls ein gutes Zeichen ist. Er ist stark gefahren, das Ergebnis freut uns. Ich hoffe, dass er den Rally-Sport weiter treu bleibt. Er ist hoch talentiert und bringt alles mit, was man braucht, um künftig Top-Ten-Plätze einfahren zu können.”

Ben Grabham war für KTM Australien am Start. Er war vielversprechend unterwegs, konnte aber nicht zu Ende fahren. Wie beurteilst du seine Leistung?
„Ben hat vermutlich eine Menge Dakar-Beobachter positiv überrascht, er war schnell und konkurrenzfähig. Er ist ein zurückhaltender Zeitgenosse und deshalb nicht so einfach einzuschätzen. Ich habe ihm jedenfalls ein anständiges Resultat zugetraut. Es war schade, dass er in der schwierigen Passage gestürzt und ausgeschieden ist. Immerhin kam er ohne Verletzung davon. Ich denke, dass Ben für KTM auf jeden Fall wertvoll und eine Bereicherung ist. Auch generell als Botschafter für den Rallysport in Australien. In seinem Windschatten werden sich neue Talente für den Rallysport interessieren. Er wird viele mitreißen und begeistern. Ich hoffe, dass er weiter bei Rallys antritt; wenn nicht selbst, dann wenigstens als Betreuer junger Fahrer, an die er seine Dakar-Erfahrungen weitergeben kann.”

„Ben hat vermutlich eine Menge Dakar-Beobachter positiv überrascht, er war schnell und konkurrenzfähig. [...] Ich hoffe, dass er weiter bei Rallys antritt; wenn nicht selbst, dann wenigstens als Betreuer junger Fahrer, an die er seine Dakar-Erfahrungen weitergeben kann.”

Red Bull KTM hat die Dakar 2014 mit einer rundum neuen Maschine bestritten, die vorher nur einen Wettbewerb bestritten hatte. Wie zufrieden seid ihr mit der neuen KTM 450 RALLY?
„Die Dakar ist natürlich für ein neues Motorrad der ultimative Test. Aber es gab keine Überraschungen. Wir waren mit der neuen 450er, die erstmls über  Einspritzung verfügt und deren Chassis leichter und deutlich handlicher ausgelegt ist, überaus zufrieden. Alles hat wunschgemäß funktioniert. Als Marc nach zehn Tagen über eine Stunde Vorsprung hatte, haben wir vorsichtshalber den Motor getauscht. Es war uns wichtig, auf Nummer sicher zu gehen. Alle Mechaniker und Techniker des Red Bull KTM Teams haben unter der Federführung von Stefan Huber während des ganzen Events absolut großartige Arbeit geleistet. Ich möchte auch allen Verantwortlichen im KTM Werk, von Herrn Pierer über Pit Beirer bis hin zu Heinz Kinigadner für die immense Unterstützung danken, die unserem Team vor und während der Dakar zuteil wurde, um mit dem neuen Rally-Motorrad erfolgreich gegen die Konkurrenz bestehen zu können. Das hat uns enorm motiviert, jeden Tag auf´s Neue alles zu geben. Danken möchte ich auch Philipp Habsburg und der KTM-Entwicklungsabteilung sowie Designer Gerald Kiska und seinem Team. Jeder, der am neuen Rally-Projekt mitgearbeitet hat, hat zum Erfolg beigetragen. Das Bike ist großartig, alles hat wie geplant funktioniert, die Unterstützung war vorbildlich – dieser Doppelsieg ist das Resultat guter und harter Teamarbeit.”

„Jeder, der am neuen Rally-Projekt mitgearbeitet hat, hat zum Erfolg beigetragen. Das Bike ist großartig, alles hat wie geplant funktioniert, die Unterstützung war vorbildlich – dieser Doppelsieg ist das Resultat guter und harter Teamarbeit.“

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Stichwort Teamwork, ohne starken Zusammenhalt kann eine Dakar wohl kaum so erfolgreich zu Ende gebracht werden?
„Jede einzelne Person im Team leistet einen wichtigen Beitrag zum Erfolg. Für ein gutes Team gilt es die richtigen Leute zusammenzustellen. Jeder muss seinen Job perfekt erledigen, alle müssen miteinander harmonieren. Wer uns über die Schulter schaut, wird merken, dass wir alle Freunde sind; eigentlich agieren wir bei der Rally eher wie eine große Familie. Alle sind mit Begeisterung bei der Sache. Wir alle mögen diesen Sport sehr. Drei Wochen lang arbeiten während der Rally alle für dasselbe Ziel, vom LKW-Fahrer über den Ersatzteil-Logistiker, Motoren-Spezialisten bis hin zu den Elektronikern, Masseuren, Caterern, ich selbst oder wer auch immer – alle arbeiten konzentriert und mit Hingabe, immer das große Ziel vor Augen. Ich bin sehr stolz darauf, für dieses Team verantwortlich zu sein und darauf, dass wir es geschafft haben, jetzt den 13. Dakarsieg für KTM in Folge einzufahren. Dieses Ergebnis ist der Lohn für unsere Arbeit.

„Wer uns über die Schulter schaut, wird merken, dass wir alle Freunde sind; eigentlich agieren wir bei der Rally eher wie eine große Familie. [...] Ich bin sehr stolz darauf, für dieses Team verantwortlich zu sein [...].“

Lässt sich das Sieggefühl in Worte fassen? War der Erfolg in diesem Jahr etwas anders als in den vergangenen Jahren?
„Jedes Jahr ist anders, jede Dakar wartet mit Überraschungen und speziellen Herausforderungen auf. Heuer war die Konkurrenz stark wie nie zuvor. Dazu mussten wir besondere Umstände und Tiefschläge verkraften. Zum einen galt es ein komplett neues Bike zu entwickeln. Der Weggang von Cyril Desprès kam überraschend. Der Verlust von Kurt Caselli nach seinem Unfall war ein harter Schlag und schwierig zu verkraften, weil er uns sehr nah stand. Das hat uns schwer zu schaffen gemacht. Entsprechend sind wir mit gemischten Gefühlen zur Dakar gereist. Dann wurde überall die erstarkte Konkurrenz thematisiert. Honda und Yamaha sind mit reichlich Aufwand und beachtlichen Ambitionen angetreten. Ich habe meinen Leuten geraten, sich nicht an Spekulationen zu beteiligen, und sich lieber auf die Arbeit zu konzentrieren. KTM als Team ist enorm stark und in vielen Dingen vorbildlich. Auch deshalb verfolgen alle unser Tun. 2013 war ein ziemlich hartes Jahr, deswegen ist es umso positiver, dass 2014 mit der Dakar für KTM und die Sponsoren Red Bull, Kärcher, Motorex und Akrapovic so erfolgreich begann. Ich denke mit unserem Sieg haben wir ihr Vertrauen in uns zurückgezahlt. Ich möchte auch der Firma Broadlink für die Unterstützung hinsichtlich der Satelliten-Technik danken, die uns auf vielfältige Weise nützlich war. Es freut mich sehr zu sehen, wieviel Unterstützung KTM bei der Dakar von allen Seiten erhalten hat; wir als Team wissen das zu schätzen. Zu gewinnen ist immer großartig; es gibt nichts Schöneres als den Sieg, aber dieses Jahr ist es etwas Besonderes. In Gedenken an meinen Freund Kurt Caselli, möchte ich ihm diesen Sieg widmen.”

„2013 war ein ziemlich hartes Jahr, deswegen ist es umso positiver, dass 2014 mit der Dakar für KTM und die Sponsoren Red Bull, Kärcher, Motorex und Akrapovic so erfolgreich begann. Ich denke mit unserem Sieg haben wir ihr Vertrauen in uns zurückgezahlt. [...] Zu gewinnen ist immer großartig; es gibt nichts Schöneres als den Sieg, aber dieses Jahr ist es etwas Besonderes. In Gedenken an meinen Freund Kurt Caselli, möchte ich ihm diesen Sieg widmen.

Red Bull KTM Rally Factory Team & Kurt Caselli (© Maragni M., ktmimages.com)