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Interview des Monats: Am Sprung – Roczens neues Leben

Der Red Bull KTM Star spricht exklusiv über neue Schwerpunkte im Training und seine Rolle als neuer Star der AMA Premier Class im Supercross. Nach einigen Rennen in Kalifornien, verlässt der Supercross-Tross nach dem sechsten Rennen in San Diego den Westen und setzt seine Reise durch die USA fort.

Alle, die Ken Roczen als spindeldürren 15-Jährigen bei seinem Grand-Prix-Debut 2009 in Portugal erlebten, konnten sich leicht vorstellen, dass hier ein Fahrer heranwächst, der die Offroad-Welt verändern wird. Mit knapp 20 Jahren (im April feiert er Geburtstag) hat Roczen bereits eine FIM MX-Weltmeisterschaft und einen 250SX Supercross-Titel gewonnen, um einen AMA Outdoor-Titel gekämpft und andere beachtliche Erfolge wie den Sieg bei seinem Heim-Grand-Prix eingefahren und ist als bester MX2-Fahrer beim prestigeträchtigen Motocross of Nations vier Jahre ungeschlagen.

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Anfang Januar konnte Roczen einen weiteren Meilenstein in seiner Karriere feiern. Beim ersten Saisonrennen der AMA Supercross Serie in Anaheim fuhr er als Rookie auf der für ihn neuen KTM 450 SX-F gleich einen Sieg ein. Seine Fähigkeiten werden nur noch von seinem Erfolgshunger übertroffen. Die Saison 2014 ist mit 17 Supercross-Rennen, 12 AMA Motocross Nationals und dem Motocross of Nations Ende September die bisher längste für Roczen. Im Vorfeld sicherte sich der Deutsche die Unterstützung des südafrikanischen Trainers Aldon Baker – Mentor des dreimaligen Champion Ryan Villopoto.

In Anaheim ist Roczen eine der gefragtesten Personen. Innerhalb von 18 Wochen finden alle Supercross-Rennen statt; da bleibt kaum Zeit zum Erholen neben Training, Tests und dem Reisen zum nächsten Rennen. Ganz zu schweigen von den Sponsoren- und Medienanfragen. Trotzdem nahm sich die Nummer 94 vor dem Training in Anaheim 3 ein paar Minuten Zeit, um sich mit uns über seine neue Lebenssituation zu unterhalten.

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Ken, die Zusammenarbeit mit Aldon und dem damit verbundenen Umzug von Kalifornien nach Florida bedeutete eine Veränderung für dein Arbeits- aber auch für dein Privatleben. Warst du zu Anfang ein bisschen besorgt?
„Ich war überhaupt nicht besorgt. Als ich im Grand Prix gefahren bin, habe ich eine Menge Arbeit investiert, aber seit ich in den USA bin, ist es nicht mehr das Gleiche. Das Wichtigste ist eigentlich, dass ich die Veränderungen zusammen mit meinem Dad in Angriff genommen habe. Nachdem ich mich entschieden hatte mit Aldon zu arbeiten, haben wir einige Monate überhaupt nicht miteinander gesprochen. Er war aber nicht der Grund für die Veränderungen. Ich brauchte einfach neue Motivation. In den letzten Jahren hatte ich mit dem Bike ein paar Schwierigkeiten und ich habe nicht zu 100% an mich geglaubt. Ich weiß, wie es ist, hart für etwas zu arbeiten und das haben wir definitiv getan – ich wollte es unbedingt.“

Hast du nach dem Motocross of Nations und vor dem Aldon-Regime noch ein bisschen Zeit zu Hause in Deutschland verbracht?
„Nach dem MXoN war ich vielleicht noch eine Woche in Deutschland – das war es aber auch. Wir mussten dann für ein paar Tage nach Spanien für ein Red Bull und KTM Event und dann ging es direkt wieder zurück nach Florida. Es blieb nicht viel Zeit zum entspannten Rumhängen. Das letzte AMA National war im Sommer in Lake Elsinore und dann blieben noch vier Wochen bis zum MXoN, aber zwischendurch kann man nicht einfach abschalten. Man muss immer am Ball bleiben. Ende 2013 hatten wir nicht das beste Timing und es blieb nicht viel freie Zeit.“

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Also war das Trainingsprogramm erheblich anders?
„Es war nichts Halbes und nichts Ganzes. Wir hatten unsere Routine, die in Europa gut funktioniert hat. Mit Aldon wurde das Training intensiver, der Tagesablauf ist einfach anders. Natürlich ist das Training und alles drumherum mit viel Anstrengung verbunden, aber wenn du ein paar Leute um dich hast, denen es genauso geht, insgesamt waren wir zu Viert, dann wird es leichter.“

Seit du 2011 Europa verlassen hast, hast du in Kalifornien gelebt. Wie ist es jetzt an der Ostküste zu sein?
„Dazu wäre es sowieso irgendwann gekommen. In Florida habe ich jetzt ein Haus und alles ist soweit geregelt. Es ist so um einiges leichter, als immer zwischen West- und Ostküste hin und her zu pendeln. Wir haben viele Rennen und meine neue Situation wird mir das Leben erleichtern, was Reisen und Erholung angeht. In der 450SX werden die Dinge hoffentlich ein bisschen leichter.“

Wenn man dich und deine Rennen betrachtet, scheinst du ruhiger als je zuvor …?
„Das stimmt. Hier ist jetzt mein zu Hause. Es ist bereits mein drittes Jahr in den USA, mittlerweile kenne ich die Leute und weiß, wo ich meine Lebensmittel kaufe – solche Sachen eben. Für mich hat sich viel verändert, aber nicht nur für mich; auch für Mariah, mit der ich schon seit einiger Zeit zusammenlebe. Es ist ein großer Schritt für einen Achtzehn- oder Neunzehnjährigen alleine am anderen Ende der Welt zu leben. Aber Mariah steht mir zur Seite und meine Eltern kommen mich von Zeit zu Zeit besuchen. Meine Mum und meine Schwester werden im April zu meinem Geburtstag hier sein, darauf freue ich mich schon. Auch mit meinem Vater ist die Situation jetzt wieder entspannter und wir sprechen jeden Tag per Whats App und er beobachtet alles ganz genau, was meinen Sport angeht.“

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„Es ist ein großer Schritt für einen Achtzehn- oder Neunzehnjährigen alleine am anderen Ende der Welt zu leben.”

Ende 2012 bist du die KTM 450 SX-F schon einmal bei einem Wildcard-Einsatz beim Deutschland GP gefahren. Man hat gesehen, dass es dir eine Menge Spaß gemacht hat, aber es war auch harte Arbeit …?
„Die Leistung der 450er ist unglaublich. Eine Menge Drehmoment. Sie ist anstrengender zu fahren aufgrund der Leistung und des höheren Gewichts. Vor Kurzem bin ich Deans (250SX Teamkollege Dean Ferris) KTM 250 SX-F gefahren und hab ordentlich am Gasgriff gedreht. Ich war ziemlich schnell und bin durch die Whoop-Sektion geheizt ohne nachzudenken. Zum Zeitpunkt von Teutschenthal war ich die 450er nur ein paar Mal gefahren und war noch nicht wirklich eins mit dem Motorrad, jetzt ist das der Fall.“

Warum fährst du nicht die 350er?
„Ich habe mir immer gesagt, jeder andere fährt die 450er und man weiß nicht, was in der Zukunft passiert und ich wollte mich nicht beschränken. Generell mag ich die 350er aber schon. Kurzfristig lohnt sich ein Wechsel von der 250er auf die 350er für Rennen an der Ostküste nicht – das ist eine komplett andere Geschichte, denn du kannst einfach draufsteigen und losfahren. Auf lange Sicht bin ich mit der 450er besser dran.“

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Mussten du und dein Mechaniker Kelly viel Arbeit investieren, um das Motorrad anzupassen?
„Nicht wirklich. Wir haben getestet und uns verbessert und ich kann mich sowieso ziemlich schnell auf Motorräder einstellen. Ich hab mich sofort wohlgefühlt auf dem Bike.“

Jeder hat von dem großartigen Sieg in Anaheim vor ein paar Wochen gesprochen, aber wie war es danach? Du warst Weltmeisterschaftsführender. Du hast dem Druck eines Heimrennens standgehalten. Du hast den West Coast Titel gewonnen. Wie fühlen sich diese Erfolge im Vergleich an?
„Danach wurde mir eine Menge Aufmerksamkeit zuteil. In der Woche vor Anaheim bis zum nächsten Rennen habe ich ungefähr 30.000 Follower auf Instagram dazugewonnen. Es war eine verrückte Zeit. Die Aufmerksamkeit wurde stetig mehr. Den ganzen Sonntag nach dem Sieg hatte ich unheimlichen Spaß, aber der Montag war dann schon wieder ein ganz normaler Arbeitstag. Ich bin nicht der Typ, der zu viel zurückschaut. Am nächsten Wochenende in Phoenix bin ich gut gefahren, aber Barcia schoss mich ab, davon war ich verständlicherweise nicht so wahnsinnig begeistert. Das nächste Rennen in Anaheim war wieder großartig. Die Strecke in Oakland lag mir nicht ganz so gut, aber insgesamt war es ein wirklich guter Start in die Saison und bei jedem Rennen lerne ich was dazu.“

„In der Woche vor Anaheim bis zum nächsten Rennen habe ich ungefähr 30.000 Follower auf Instagram dazugewonnen. Es war eine verrückte Zeit. Die Aufmerksamkeit wurde stetig mehr.”

30 und mehr Rennwochenenden stehen dir 2014 bevor – das wir eine große und neue Herausforderung für dich …?
„Das wichtigste ist Konstanz und es ohne größere Schwierigkeiten über die ganze Saison zu schaffen. Ich möchte möglichst oft vorne mit dabei sein und natürlich wäre es großartig nochmal ein Rennen zu gewinnen. Das Gute ist, dass das Starterfeld jetzt schon so stark ist, so dass es immer durcheinander geraten wird. Ich werde nach wie vor versuchen an jedem einzelnen Wochenende mein Bestes zu geben.”

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Fotos: © Simon Cudby / ktmimages.com