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Jack Miller: „Ich möchte die Moto3, Moto2 und MotoGP gewinnen!“

Neben der Strecke wirkt Jack Miller, als würde er sich als Star des Red Bull Ajo KTM Moto3 Teams ein bisschen unbehaglich fühlen, sobald er auf dem Motorrad sitzt, ist davon nichts mehr zu spüren.

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Bei den Tests, kurz vor dem Start in die neue MotoGP-Saison in Katar, hat der 18jährge Australier das Tempo vorgegeben. Wir trafen uns mit Jack in der Werkstatt von Aki Ajo, das zwei der letzten vier Moto3/125ccm Weltmeistertitel gewonnen hat, und im ehemaligen Derbi-Werk vor den Toren Barcelonas seine Basis hat. Für ein kleines Fotoshooting nur einen Steinwurf von der MotoGP-Strecke in Katalonien entfernt, haben wir eine brandneue KTM 250 EXC-F mitgebracht. Bevor er uns mit seinen Offroad/Dirt Track-Fähigkeiten beeindrucken konnte, hatten wir noch ein paar Fragen an den neuen gesprächigen KTM Star …

Fühlst du dich angekommen und bist du bereit deine Leistung abzurufen, jetzt wo du in diesem Team und auf diesem Niveau fährst?
„Genau, so lässt sich meine Situation wohl ganz gut beschreiben. Einige Jungs kommen in den Grand Prix und fahren von Anfang an in einem Werksteam, während ich um ganz ehrlich zu sein auf einer S***kiste angefangen habe und mich von da aus hocharbeiten musste. Zum Glück konnte ich immer auf die Unterstützung meiner Eltern zählen, auch finanziell – sie sind für Resiekosten usw. aufgekommen. Letztes Jahr hatte ich das Glück ein halbwegs vernünftiges Motorrad zu haben, das sich ganz gut fahren ließ. Es war nicht das Schnellste auf der Strecke, aber das Handling war gut und mit dem was wir hatten, haben wir unser Bestes gegeben und einige Aufmerksamkeit erregt. Wir haben Ergebnisse erzielt, die wir eigentlich nicht hätten erzielen können und dann bekam ich die Chance beim Red Bull Ajo KTM Team zu fahren und seitdem läuft es gut. Gleich bei den ersten Tests in Jerez und Almeria im letzten Jahr hatte ich das Gefühl in einem fantastischen Team gelandet zu sein, das zu 100% hinter einem steht. Auch als ich mir letztes Jahr bei einem Test die Schulter gebrochen habe – das war noch von einer Verletzung aus der Vergangenheit – waren sie für mich da und haben sich um mich gekümmert. Ich musste mich nicht zu sehr anstrengen und mir ist im wahrsten Sinne des Wortes eine ziemliche Last von den Schultern genommen worden.“

Das gehört dazu, wenn man Werksfahrer ist … die Unterstützung in jeder Hinsicht …?
„Stimmt, und mich hat zuvor nie ein Teammanager angerufen bis ich hier im Team kam. An Weihnachten rief Aki an und solche Kleinigkeiten geben dir das Gefühl, dass du wirklich dazugehörst. Wie das Team arbeitet ist beeindruckend. In Almeria hatten wir vier zusätzliche Testtage … das habe ich vorher noch nie erlebt, ich war immer nur bei den drei IRTA Tests. Diesmal hatte ich diese Extratage, um erste Erfahrungen mit dem neuen Team und dem Motorrad zu sammeln. Das gibt einem ein gutes Gefühl … Ich war in Jerez auf Anhieb 1,2 Sekunden schneller als auf der Honda – es war fast schon lächerlich.“

In Almeria hatten wir vier zusätzliche Testtage … das habe ich vorher noch nie erlebt [...] Ich war in Jerez auf Anhieb 1,2 Sekunden schneller als auf der Honda – es war fast schon lächerlich.“

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Wie ist es als Australier in der MotoGP zu sein? Hast du schon Leute gesehen oder von welchen gehört, die dich jetzt mehr unterstützen? Dich vielleicht mit Casey Stoner vergleichen?
„Ich glaube, es ist schwierig für Australier sich hier durchzusetzen, aber es gibt einen großen Enthusiasmus diesen Traum Realität werden zu lassen. Die Leute wollen und brauchen uns im Grand Prix Sport, also hilft die Nationalität schon ein bisschen. In der Vergangenheit hatten wir gute und bekannte Leute wie Casey, Mick und Gary (McCoy) … auch Wayne Gardner. Wir konnten einige Erfolge feiern, also sind die Erwartungen recht groß.“

Kannst du von den Erfahrungen, die dein Landsmann Arthur Sissis in der Moto3 gemacht hat, lernen?
„Er hatte letztes Jahr einige Schwierigkeiten, weil er das Motorrad nicht in den Griff bekommen hat. Ich kann gut nachvollziehen, wie er sich fühlt. Ich hab auch auf einigen Motorrädern gesessen, die einfach nicht fahrbar waren. Manchmal kommst du mit einem Motorrad zurecht und manchmal musst du eher mit ihm kämpfen. Die RC 250 GP liegt meinem Fahrstil und erlaubt mir aggressiv zu fahren und das Motorrad regelrecht um die Strecke zu zwingen. Arthur fährt eher weich, fließend und stellt sich auf das Motorrad ein. Luis (Salom), Maverick (Viñales) und Rins (Alex) haben sich auch eher durchgekämpft und waren unglaublich schnell, wenn es drauf ankam.“

Reden wir über deinen Fahrstil …
„Ich zwinge das Motorrad regelrecht um die Strecke. Ich denke, das kommt noch von meiner Dirt Track-Vergangenheit, wo man viel die Hinterradbremse benutzt, um das Motorrad zu fahren. Ich habe keine Probleme mit der KTM und habe es eigentlich sogar richtig genossen zu fahren. Das Chassis ist perfekt; wir haben viel getestet, um es zu verbessern, aber wir haben noch ein bisschen Arbeit vor uns. Ich glaube, wenn du dem Motorrad zeigst, wer der Chef ist, kannst du es noch besser kontrollieren.“

Reden wir über deinen Fahrstil … „Ich zwinge das Motorrad regelrecht um die Strecke. Ich denke, das kommt noch von meiner Dirt Track-Vergangenheit [...] Ich glaube, wenn du dem Motorrad zeigst, wer der Chef ist, kannst du es noch besser kontrollieren.“

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Ist das eine Grundlage für die Rennen in der MotoGP? In der Lage zu sein, sich an verschiedene Bedingungen, Umstände und manchmal auch an verschiedene Motorräder und Setups anzupassen?
„Ich denke schon, ich habe jetzt schon viel durch das Werksteam und die Arbeit mit Leuten wie Patrick, meinem Teamchef, gelernt. Wenn man sich die Wand anschaut (zeigt auf Poster von Márquez und Cortese), dann sieht man zwei erfolgreiche Fahrer und zwei Weltmeistertitel; er weiß also wirklich, was er tut. Er ist außerdem ein ziemlich cooler Typ, ruhig und gefasst. Er unterstützt einen jederzeit und hilft einem bei der Anpassung.“

Als Privatfahrer hattest du bestimmt nur begrenzte Möglichkeiten, aber im Werksteam sollten die Chancen für Experimente und Entwicklungen besser?
„Manchmal sind die Möglichkeiten schon überwältigend, aber die Jungs sind zufrieden mit meinem Feedback, nicht nur meine eigene, auch die Testmannschaft von KTM. KTM ist ein junges und dynamisches Unternehmen. Die Arbeit mit Honda in der Vergangenheit … sie waren ziemlich langsam mit Teilen für die kleineren Klassen – in der MotoGP ist das was anderes – aber in den kleineren Klassen wollen sie alles vorher tausendmal testen und alles muss sich wirklich bewähren. KTM ist da dynamischer, verwegener und hier um zu gewinnen. Sie arbeiten nach der Devise: „Lass uns dies und das einfach ausprobieren.“ Wir haben immer ein ganzes Arsenal von Teilen für Tests zur Verfügung.“

Kommen wir nochmal auf das Aussie-Thema zurück … wenn du dir Stoners Geschichte anschaust, er hat den ersten Grand Prix für KTM gewonnen (125ccm im Jahr 2004), hast du schon irgendwelche Parallelen zwischen dir und ihm entdeckt?
„Casey hat den ersten Grand Prix für KTM gewonnen, aber nie den 125er Titel … Ich möchte alle drei Titel (Moto3, Moto2 und MotoGP) gewinnen, also muss ich erst diesen Titel hinter mich bringen. Bisher hat kein Australier alle drei Titel gewonnen.“

Das ist also das große Ziel?
„Genau.“

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Stoner war ein Dirt Track-Fahrer und du hast deine Dirt Track-Erfahrungen auch schon erwähnt. Wie sieht dein Offroad-Vergangenheit aus?
„Ich bin Motocross gefahren und war dann viermal Australischer Dirt Track-Meister, außerdem Vizemeister in der Motocross-Staatsmeisterschaft. Ich war in beiden Serien ziemlich schnell, hab mich aber nie wirklich für eine entscheiden können. Es hat immer Spaß gemacht, aber ich hab mich auch ziemlich oft verletzt. Mit 14 hatte ich mir bereits 27 Knochen gebrochen! Und das fast nur beim Motocross. Ich liebe Motocross aber meist riskiere ich zu viel und verletzte mich.“

Mit 14 hatte ich mir bereits 27 Knochen gebrochen!

Also hast du deiner Gesundheit zuliebe auf Offroadrennen verzichtet?
„Irgendwie schon. Ich war an einem Punkt, an dem ich es leid war, mich ständig zu verletzten, nur um dann wieder an den Punkt zu kommen, an dem man gesund und schnell ist, und sich wieder verletzt und weitere sechs Wochen oder zwei Monate ausfällt. Es hing aber auch stark davon ab, was ich mir gebrochen habe! Ich bin Dirt Track und ein bisschen Supermoto gefahren, hatte dann aber die Chance ein Straßenmotorrad zu testen und wurde zum ersten Rennen der Australischen Superbike Meisterschaft in Tasmanien eingeladen.

Ich glaube in meinem ersten Rennen wurde ich Siebter oder Achter, trotz zwei Stürzen. Nachher dachte ich „F**k, das ist großartig!“ Das hätte ich nie gedacht; ich dachte es wäre etwas vollkommen anderes. Ich hatte viel Spaß, also habe ich weitergemacht. Ich wurde vierter in der Meisterschaft und das obwohl ich vier Rennen auslassen musste, weil ich mit 14 zu jung war, um in einem Bundesstaat Rennen zu fahren. Es kam alles irgendwie zusammen. Ich gewann die Junioren Meisterschaft auf einer 125er. Das war ziemlich cool, aber ich kam an einen Punkt, an dem ich dachte, dass es mich nicht weiterbringt; es war jedes Jahr das gleiche und die gleichen Strecken.

Ich arbeitete mit einem ehemaligen Mechaniker von Norick Abe (ehemaliger GP-Fahrer), der mir von den Rennen in Europa erzählte. Wir haben uns dann entschieden es zu versuchen, haben einen Anhänger gebaut, die Motorräder in einen Container verladen und nach Europa gebracht. Es hat vier Wochen gedauert und uns fast 4000 Euro gekostet, um die Motorräder vom Zoll zu bekommen. Wir sind zum ersten Rennen der Spanischen Meisterschaft gefahren, obwohl ich bis dahin nur 1500km auf einem Straßenmotorrad gefahren war – Fahrer aus der Spanischen Meisterschaft fahren mehr als diese Distanz alleine bei Tests, aber ich qualifizierte mich mit einem unterlegenen Motorrad und beendete das Rennen mit einem Punkt.

Dann fuhr ich gegen Ende des Jahres beim vorletzten Rennen für ein deutsches Team. Ich qualifizierte mich als Siebter und beendete das Rennen als Achter, nachdem ich am Start die Kupplung beschädigt hatte. Ich lag sehr weit zurück, konnte mich aber vorkämpfen. In der Nacht nach dem Rennen war ich mit dem Fahrrad und ein paar Freunden im Paddock unterwegs, machte einen Stoppie und flog über den Lenker und brach mir das Handgelenk, so dass ich das letzte Rennen am nächsten Wochenende nicht fahren konnte. Definitiv nicht der beste Weg die Saison zu beenden, aber im nächsten Jahr kamen wir stark zurück!“

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Jetzt, wo du in Europa angekommen bist, was sind deine Erinnerungen an das erste Jahr in Europa?
„Das war ziemlich hart. Besonders ohne die Familie und dann die anderen Sitten und Gebräuche. Ich hab aber auch nicht viel Positives beigetragen und wurde hier in Spanien verhaftet …“

Weshalb?!
„Ich bin mit einem nicht zugelassenen Roller und ohne Papiere gefahren ([lacht). Ziemlich dumm … jetzt klingt es nach viel Spaß, aber ich kann meinen Eltern gar nicht genug danken, dass sie es mit mir ausgehalten haben.“

Das ist also dein viertes Jahr in Europa. Vermisst du dein Zuhause?
„Ziemlich, aber das ist der beste Weg, um mein Ziel zu erreichen … und es ist wirklich kein schlechter Job! Ich kann mich nicht beschweren. Leute opfern ständig irgendwas. Manche müssen jeden Tag sehr früh aufstehen, um den ganzen Tag zu arbeiten und andere sitzen von neun bis fünf im Büro. Wohingegen ich den besten Job der Welt habe. Ich reise und fahre Rennen … um ehrlich zu sein, ist es gar nicht so schlimm elf Monate im Jahr nicht zu Hause zu sein und wenn man richtig gut ist, kann man wie Casey mit 27 zurücktreten … Nicht, dass ich das vorhätte.“

Nach 37 GP Einsätzen hat du auch schon die Schattenseiten der Szene kennengelernt. Kannst du nachvollziehen, dass Casey von dem Ganzen ernüchtert war? Wie ist deine Einstellung zur MotoGP-Szene?
„Ich liebe die Show. Es ist alles ein Teil des Ganzen und ich kann wirklich nicht verstehen wie Casey … also ich kann schon verstehen, wie alles ein bisschen zu viel sein kann, aber ich mag die Art, wie Rossi mit der Situation umgeht. Ich möchte nichts Schlechtes über Casey sagen, aber bei einem der ersten Grand Prix bei dem ich war, haben einige Kinder vor seinem Motorhome gewartet. Ich kann mittlerweile nachvollziehen, dass es ziemlich stressig sein kann, wenn du aus der Garage oder Box kommst und 30 Leute auf dich warten, aber hier waren es nur ein paar Kinder, die gerne ein Autogramm von ihm wollten. Er ist einfach mit dem Roller an ihnen vorbeigefahren und in seinem Motorhome verschwunden. Ich habe damals gedacht: „Komm schon, das muss nicht sein …“ Wenn er nur für einen Moment angehalten hätte, hätte er ihnen einen perfekten Tag oder ein perfektes Jahr beschert. Aber so ist er … ich hingegen mag die Show und bin gerne der Klassenclown.“

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Kannst du für all die Leute, die dich anfeuern, dir zusehen und dir folgen, beschreiben, was es für ein Gefühl ist, einen Gran Prix in Mugello oder woanders anzuführen, wo man die Menschenmassen sieht und hört. Ist diese Atmosphäre, und beim Rennen ein Teil davon zu sein der ultimative Kick?
„Während des Rennens sieht und fühlt man nicht viel von der Atmosphäre. Eigentlich ist es sogar ein bisschen unheimlich! Besonders beim ersten Mal. Ich erinnere mich an ein Rennen am Sachsenring, als ich 16 Runden lang das Rennen angeführt habe … es waren die längsten 16 Runden überhaupt und es waren nicht die besten Bedingungen. Grenzwertig und ein bisschen heikel aber an sich ein tolles Rennen. Bei einem Rennen wie in Jerez, wenn man in der Warm-Up Runde in den stadionartigen Teil zwischen Turn 10 und 11 kommt und die Augen versuchen diese Menschenwand zu erfassen … es ist unglaublich und so ein wahnsinniges Gefühl zu wissen, dass die Zuschauer da sind, um dich fahren zu sehen. Es ist ziemlich cool über diese Menschen nachzudenken und auch über die, die die Rennen zu Hause verfolgen.“

Nach ein paar Fotos machen wir uns auf den Weg nach Montmelo. Jack gibt mit der 250er ordentlich Gas und bewegt die Enduro auf der Motocross-Strecke als gäbe es nichts Einfacheres. Er spielt mit den Sprüngen und ein- oder zweimal schauen wir weg, denn wir können uns nur vorstellen, wie ein wütender Aki Ajo auf weitere Verletzungsnachrichten seines Grand Prix Stars reagieren würde. Zum Glück hat Jack alles unter Kontrolle.

Wie war es?
„Es hat viel Spaß gemacht und ich bin überrascht. Das Motorrad ist ziemlich leicht für eine Enduro. Normalerweise gefallen mir die 250er besser, weil ich gerne mit dem Motorrad spiele. Mit etwas Größerem wie einer 450 zu fahren ist etwas für längere Fahrten, aber für Motocross und eine schnelle Runde ist die 250er nicht zu schlagen.“

Wie gesagt, alles unter Kontrolle …

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Die MotoGP Saison 2014 startet am 22. März in Losail zum Commercial Bank Grand Prix von Katar.