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The Home of Riding: Offroad in Kalifornien

Bei einem Trip nach Kalifornien konnten wir herausfinden, wie sich uneingeschränkte Offroad-Freiheit im Zentrum der Motocross- und Enduro-Welt anfühlt.

Wir gleiten sanft den Freeway entlang. Die Straße wickelt sich um die trockenen Ausläufer der Rocky Hills, die spitz aus der Wüstenlandschaft ragen. Links sprudelt ein Pick-Up mit einer sauber glänzenden Honda CRF auf der Ladefläche vorbei. Zur Rechten liegt direkt neben der Straße die Supercross-Teststrecke von Kawasaki. Etwas später passieren wir ein Areal mit fünf weiteren prominenten Teststrecken – unter anderem auch der private Kurs des Red Bull KTM Werksteams. Bevor wir wieder hinunter nach Lake Elsinore fahren (die Stadt hat sich in der Dokumentation „On Any Sunday“ als Offroad-Paradies verewigt) öffnet sich zu unserer Linken ein großes Gebiet mit unzähligen Strecken, auf der Kids mit ihren Bikes, umzingelt von den Vätern und Brüdern, ihre Runden ziehen.

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Im drittgrößten Staat der USA, das Zuhause von rund 39 Millionen Menschen, sind Motorräder ein Lebensgefühl. Keine Custom- und Cruiser-Bikes, alles dreht sich um Offroader, es fühlt sich an, als wurde Südkalifornien mit Stollenreifen markiert.

Kalifornien. Das Zuhause für so Vieles, was für Amerika steht. Im kleinen Kosmos der Offroad-Szene existiert dort ein riesiger Markt, der Vertrieb floriert, das After-Market-Geschäft läuft, es gibt nahezu unlimitierte Möglichkeiten zum Fahren und die Zeit im Sattel ist unbegrenzt.

Dieses „Nest“ an komprimiertem Zweirad-Lifestyle ist es, was den ehemaligen Motocross- und Enduro-Rennfahrer sowie Britischen Champion Chris Hay 2007 nach Kalifornien führte. „Wir wollten herausfinden, wie es an einem Ort ist, wo Motocross-Sport verehrt und nicht verfolgt wird, wo auf den Strecken reger Betrieb anstelle gähnender Leere herrscht, wo die Sonne einen verleitet, wieder und wieder den elektrischen Starter zu betätigen. Das Offroad-Fahren ist definitiv ein Teil der kalifornischen Kultur, speziell hier im Süden“, sagt der Personal-Trainer aus Schottland. „Selbst in der Straße in der ich wohne…glaube ich ,gibt es mindestens zehn Nachbarn, die ein Offroad-Bike haben, wohingegen du Zuhause froh sein kannst, wenn du einen findest. Es ist ziemlich lässig, wenn du die Straße entlang gehst und ständig mit Leuten über Motocross sprechen kannst. Es ist einfach jemanden zu finden, mit dem man über das letzte Rennen sprechen kann oder den man fragen kann, ob er am Wochenende wieder fahren geht.“

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Hay lebt in Wildomar mit seiner Frau Danielle. Nachdem Ray Archer und ich draußen waren, um den 31-jährigen zu fotografieren während er die neue KTM 350 EXC-F seines Schwiegervaters durch die Landschaft prügelte, kamen wir bei einem Kaffee ins Gespräch. Hay erklärte, dass die Leidenschaft und die Möglichkeiten für’s Offroadfahren bei seiner Ankunft an der Westküste nachdem er North Berwick verlassen hatte, fast zu groß waren. „Als ich zum ersten Mal in Kalifornien ankam, mit all den Möglichkeiten jeden Tag Motorrad zu fahren, den vielen Fitnessstudios und dem perfekten Wetter, glaubte ich, ich sei im Paradies. Nach einer Weile muss man aber etwas gelassener werden, um nicht völlig zu überdrehen. Insgesamt herrscht ein großer Unterschied zur Situation in Europa.“          

„Hier werden mehr Offroader verkauft als anderswo auf der Welt. Es gibt unzählige Motocross-Strecken und zudem die riesigen Offroad-Gebiete. Ich würde sagen ein großer Teil des Sports findet hier statt und die vielen Wüstenfahrer und Hobbypiloten halten alles am Laufen. Es ist zwar schon etwas strenger geworden bezüglich der Orte, wo man überall fahren darf, aber es ist immer noch gewaltig. Man ist immer umgeben von Bikes und die Händler sind alle groß; das Rad, Szene und Industrie dreht sich hier schnell und rund um die Uhr. Speziell im Süden Kaliforniens – wo wir jetzt sind – ist das Herz der Offroad-Welt und man muss es erlebt haben, um es zu verstehen.“

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Während unseres Aufenthalts machten zwei Faktoren ganz klar, warum sich hier das Zentrum der Offroad-Welt befindet: Wetter und Raum. Zwei Elemente, die in Europa oft limitierende Faktoren sind, speziell in Nord- und Zentraleuropa. Südkalifornien hat endlose Weiten und ganz im Süden die Sanddünen von Glamis. Im Norden und entlang der 5 von Los Angeles wird es etwas grüner mit mehr Vegetation; 45 Prozent von Kalifornien bestehen aus Bäumen und Wäldern. Eine perfekte Mischung.

In Italien und Spanien regieren in den Städten die Scooter, in Frankreich und Deutschland trifft man vorwiegend auf Sportmotorräder. In Kalifornien fühlt es sich an, als sei man ständig von Motocross- oder Enduro-Bikes umgeben, und die Aussicht ist einfach…so…einladend. „Man kann zu viel vom Guten haben, dann muss man ein Gleichgewicht schaffen“, meint Hay. „Als ich von Schottland rüberkam dachte ich, ich muss jeden Tag fahren und es schätzen, aber das ist körperlich und finanziell nicht möglich. Ich habe das am Anfang einen Monat lang probiert, aber dann war ich soweit wieder nach Hause zu gehen! Es ist gut hier zu sein, es ist aber auch schwer vom Motocross abzuschalten. Unter diesem Umständen ist es auch schön, öfters wieder mal nach Europa zurück zu kommen, um andere Strecken zu fahren, wie zum Beispiel im Sand oder bei Regen.“

Hay ist nur ein Beispiel für jemanden, der sich und sein Leben um eine Leidenschaft orientiert hat. Der Süden Kaliforniens ist auch der Schmelztiegel einer der größten Rennserien der Welt: AMA Supercross (sechs der 17 Runden finden in diesem Bundesstaat statt). Die Werksteams von KTM, Honda, Suzuki, Kawasaki und Pro Circuit sind in der Region rund um LA angesiedelt. Firmen wie Fox, Alpinstars, Troy Lee, JT, One Industries, Oakley und 100% sind ebenfalls in Kalifornien zuhause. Kurz gesagt: hier zu sein, ist die völlige Versenkung in die Offroad-Welt. Wie Hay sagt: „Ich mag es draußen auf den Rennstrecken, Motocross zu fahren und dann wieder heim zu kommen, wenngleich ich manchmal um mich blicke und mir wünsche auszubrechen, raus- und etwas zu erfahren.“

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Fotos: Ray Archer