Es geht immer weiter: Was Ryan als nächstes macht …

Ein Jahr nach seiner überraschenden Entscheidung, seine erfolgreiche Karriere in der AMA SX/MX zu beenden, trafen wir Ryan Dungey, dessen Leben sich dramatisch verändert hat, fragten ihn, wie er es geschafft hat, Gas wegzunehmen und, was er als nächstes vorhat.

Wir sind bei der Pressepräsentation der 2019er KTM-SX-Modellreihe in Rom, ganz in der Nähe von Cairolis Heimstrecke Malagrotta. Ryan Dungey setzt sich, um mit uns zu sprechen. Auch nach seiner Karriere ist er immer noch der freundliche, einnehmende und perfekte Profi (wir fragen uns, wie viel Geld er wohl verdient hätte, wenn er für jedes Interview in seiner 11-jährigen und 7 wichtige AMA-Titel umfassenden Karriere, 5 Dollar bekommen hätte). Körperlich sieht er noch immer so aus, als könnte er einfach die Stiefel anziehen und einen neuen Rundenrekord hinknallen. Nach unserem Interview dreht er auch tatsächlich noch ein paar Runden mit Journalisten und Athleten wie Red Bull KTM-MX2-Star Jorge Prado.

Ryan Dungey (USA) 2018 © Marco Campelli

Dungey hat sich kaum verändert, seit er letzten Sommer in Las Vegas seinen dritten 450 SX-Titel fixierte und gleich danach eine Pressekonferenz gab, in der er seinen Rückzug aus dem Sport im Alter von 27 Jahren bekannt gab. Im Vergleich zur #5, die wir von den Rennen und aus den Medien-Projekten – einem Vollblut-Rennfahrer im Supercross- und Motocross-Sport (mit 30 Rennwochenenden im Jahr) – kannten, umgibt Ryan heute die Aura eines entspannten und stressfreien Mannes, der nicht länger seine gesamte Energie auf den Sport verwenden muss.

Wir sprachen lange über den Umstieg vom Athleten zum Supporter, von einem zielgerichteten Lebensstil zu einer neuen Form der Hingabe und darüber, wie er neue Wege fand, die Entschlossenheit und Leidenschaft zu bündeln, die ihm zum Rekord an ununterbrochenen Podiumsplatzierungen (31 Pokale in Folge) in der Supercross-Serie verholfen hatte.

Ryan Dungey (USA) 2018 © Marco Campelli

Also, was hast du nach der Pressekonferenz letztes Jahr gemacht? Mit der Routine war es ja erstmal vorbei …
„Es war schwierig, diese Entscheidung zu treffen, und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ich hatte auch gar keinen Plan. Irgendwie wusste ich aber dennoch, was ich als nächstes machen wollte … und verschwand nicht wirklich von der Bildfläche. Ich blieb in Kalifornien, weil die ersten beiden Läufe der ‚Outdoors‘ dort stattfanden. Ich hatte nichts Besseres zu tun, also blieb ich dort und schaute mir die Rennen an. Marvin [Musquin] und ich sind gute Freunde, also unterstützte ich ihn. Wir hatten etwas Urlaub und keine richtige Struktur.“

Es scheint so, als hättest du ‚aufgehört‘, ohne richtig aufzuhören. Du warst überall in KTM-Farben präsent – im Fernsehen, bei Medien-Events …
„Ja, klar. Ich wollte eine Pause, aber trotzdem genieße ich viele Dinge, die ich früher gemacht habe. Ich habe meinen Beruf nicht gehasst oder so und ich war auch nicht müde. Aber irgendwann wusste ich, dass die Zeit gekommen war, aufzuhören. Diese Entscheidung zu fällen, beschäftigte mich ein ganzes Jahr und es war hart, weil von dir erwartet wird, dass du mit vollem Einsatz dabei bist. Ich wollte eine Entscheidung treffen, die man ab besten nicht auf die lange Bank schiebt.“

Es war also keine überhastete Entscheidung …
„Ich glaube, du musst solche Dinge machen und dich dann sammeln. Ich war aber zu jung, um mich völlig aus meiner Karriere oder meinem Leben zurückzuziehen. Ich werde immer den Wunsch haben, etwas beizutragen und in dieser Welt eine Rolle zu spielen. Jeder braucht schließlich einen Grund, morgens aufzustehen und jeder hat etwas, das ihn anspornt. Also dachte ich darüber nach, wie ich anderen Leuten helfen könnte und glücklicherweise habe ich viele gute Partner und konnte so in eine neue Rolle mit KTM, Fox, Oakley und Red Bull schlüpfen. Ich wollte aber nicht einfach einen Job annehmen und fürs Nichtstun bezahlt werden. Ich wollte Einfluss haben und im Falle von KTM könnte das bedeuten, Bikes zu testen oder dem Team und den Fahrern zu helfen. Ich wollte etwas beitragen und einen bedeutungsvollen Job haben und nicht nur auf den nächsten Lohnzettel warten. Das war das Ziel für mich als Rennfahrer und auch jetzt noch.“

In Anbetracht der Erfordernisse des Sports und seines Kalenders beginnt jeder Tag mit voller Konzentration, Zielen und Kompromissen. War es merkwürdig, dieses Leben nicht mehr zu leben? Du kanntest ja schließlich nichts anderes.
„Als Rennfahrer ist dein Terminkalender immer voll und das gilt wahrscheinlich auch für viele andere Jobs. Der große Unterschied besteht in der Veränderung des Tempos. Ich lerne jetzt, geduldig zu sein, nichts zu überstürzen und nicht verärgert oder verbittert zu sein. Es ist leicht, plötzlich zu denken, dass man nicht mehr ‚zufrieden‘ ist, man muss aber einen Sinn im Leben haben. Man kann den Faktor Zeit ausschalten, braucht aber trotzdem etwas, das einen antreibt … das nicht zu haben, ist ein schlechtes Gefühl. Man hält nach neuen Projekten Ausschau. Mein gesamter Terminkalender war voll ausgebucht und jetzt ist er das nicht mehr – das war eine große Umstellung. Das hat mich gezwungen, mir mein Leben und meine Motive anzusehen und alles in Frage zu stellen, um Antworten zu finden. Wenn du die Routine des Rennsports hast, machst du einfach mit und bekommst nicht so richtig mit, was ‚rote Fahnen‘ sein könnten. Du denkst dann ‚vielleicht sollte ich wieder Rennen fahren, um mein monatliches Einkommen etwas zu heben‘, aber das ist keine gute Basis. Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt.“

Ryan Dungey (USA) 2018 © Marco Campelli

War es, als ob du eine neue Identität angenommen hättest?
„Nein, ich wusste immer, wer ich war. Ich bin Ryan Dungey, nicht ein Motocross-Rennfahrer namens Ryan Dungey. Ich war Motocross-Rennfahrer: Das war mein Job, aber nicht meine Identität. Ich wusste immer, dass ich meine Identität nicht im Rennfahren finden würde. Das war zwar niemals ein echtes Problem, aber ich glaube, dass ich in der Rolle [des Champions] verwöhnt war. Schließlich hatte ich viel Einfluss und konnte vielen Menschen helfen, was ich sehr genoss.“

Hattest du jemals das Gefühl, dich in ‚unbekannte Gefilde‘ zu begeben?
„Ich habe viele Optionen und kann in viele verschiedene Richtungen gehen – das kann schon verwirrend sein. Man will schließlich gute Entscheidungen treffen. Als Rennfahrer genießt du die ganze Aufmerksamkeit. Ich war zwar niemals so von mir eingenommen, aber du wirst irgendwie verwöhnt und plötzlich bekommt ein anderer Fahrer die ganze Aufmerksamkeit und du keine mehr. Ich war nie süchtig nach Aufmerksamkeit und es war gut für mich, da herauszukommen. Ich war für etwas anderes bereit und die Aufmerksamkeit war nie meine Motivation.“

Jeder Rennfahrer sagt von sich, selbstsüchtig und egozentrisch zu sein. Das scheint eine etwas merkwürdige Einstellung zu sein …
„Ich versuche auch immer noch, das zu verstehen. Selbstsüchtig zu sein ist offensichtlich schlecht und man sagt sich, dass es sich bei unserem um einen selbstsüchtigen Sport handelt. Du hast vielleicht eine wichtige Rolle, aber keiner zwingt dich, irgendetwas zu tun. Wir arbeiten alle an einem Ziel. Seine Lage zu verstehen ist für einen Fahrer so, wie einen erfolgreichen Betrieb zu führen. Natürlich wollen es ihm alle recht machen, er sollte aber auch in die andere Richtung denken und sich fragen, wie er sein Team oder das Geschäft stärken oder Verbesserungspotential finden kann. Ich denke, dass sich Fahrer ihrer Rolle bewusst sein und lernen sollten, wie viele Leute von ihr leben und wie sie ihr Team motivieren können. Für mich änderte sich vieles zum Guten, als ich aufhörte, mich zu fragen ‚wie können die anderen MIR helfen, eine Meisterschaft zu gewinnen?‘ und anfing, zu fragen ‚wie kann ich meinem Team helfen, die Meisterschaft zu gewinnen?‘ Es ist also schon selbstsüchtig … irgendwie. Und dann ist da noch die Tatsache, dass die Fahrer so jung sind. Wenn man älter wird, wächst man aus dieser Sichtweise heraus, andernfalls ist es nur frustrierend. Irgendwann drehst du dich dann um und fragst: ‚sind noch alle mit dabei?‘ und damit meinst du deine Familie, deine Frau, deinen Freundeskreis. Ich glaube nicht, dass mein Umfeld schon alles satt hatte, schließlich kamen sie 11 Jahre lang zu jedem Rennen, um mich anzufeuern. Vielleicht haben sie das alles noch genossen, für mich war es aber an der Zeit, etwas anderes zu tun.“

Du warst extrem erfolgreich und hast den Prozess, diese Ziele zu erreichen, sehr genossen. Vermisst du das Gefühl, etwas erreicht zu haben?
„Nein, denn Rennen oder Meisterschaften zu gewinnen – der Teil mit den Errungenschaften – das war alles nur temporär. Ich wusste, dass die Leute das früher oder später vergessen werden. Natürlich habe ich Rekorde aufgestellt, irgendwann ist das aber egal. Eine Meisterschaft zu gewinnen, ist ein großartiges Gefühl und etwas, an das man sich gerne erinnert. Aber am nächsten Tag arbeitet man schon an der nächsten Meisterschaft. Du kannst diesen Moment nicht festhalten. Du arbeitest 6 Monate lang und erreichst ein Ziel, aber das ist alles nur von kurzer Dauer. Ich versuche, zu erkennen, was nach der Errungenschaft kommt und suche nach Dingen, die mehr Bedeutung haben. Wie viel ist es wert, wenn du Rennen oder Meisterschaffen gewinnst, Menschen aber wie den letzten Dreck behandelst? Ein guter Botschafter und ein gutes Vorbild zu sein, die Marke zu vertreten und einen guten Einfluss auf Kinder zu haben: Das hat eine Wirkung und verändert dein Leben. Meine Erfolge auf der Rennstrecke waren toll und eine Inspiration für die Kids und so kannst du eine Integrität erreichen, die sich andere von dir wünschen. Im Großen und Ganzen geht es aber um die Wirkung auf andere Menschen. Natürlich wirken sich Meisterschaften auch positiv auf Verkaufszahlen aus …“

Ryan Dungey (USA) 2018 © Sebas Romero

Dein Rücktritt ist jetzt über ein Jahr her; glaubst du, Ryan Dungey 2.0 gefunden zu haben?
„Ja, ganz sicher. Ich vermisse das Rennfahren und viele andere Dinge … und die Erinnerungen noch mehr. Die kommen aber immer wieder zurück. Ich habe meinen nächsten Schritt gefunden. Ich habe herausgefunden, wie ich Menschen im Sport unterstützen kann – die Kids, die Fahrer, die Teams. Die Marke und die Sponsoren zu vertreten und so viel zu bewegen, wie ich kann. Vieles ist noch immer in Bewegung, ich glaube aber, dass ich meine Richtung gefunden habe.“

Du siehst so aus, als könntest du morgen das nächste Rennen fahren. Du hast um die Keksdose offenbar einen großen Bogen gemacht. Trainierst du immer noch?
„Und wie. Erst vor kurzem habe ich mit meiner Frau Lindsay darüber gesprochen, dass ich seit meinem Rücktritt eigentlich erst drei wirklich trainingsfreie Tage hatte. Aber ich genieße es, weil ich es nicht mehr tun muss. Außerdem kann ich auf viele Arten trainieren und muss mich nicht mehr auf meine Rundenzeiten konzentrieren. Wir hatten aber eigentlich schon immer einen ziemlich gesunden Lifestyle.“

Was hast du als nächstes vor?
„Ich bin ein großer Träumer. Ich denke viel über den Sport nach und darüber, was ich tun kann. Seit ich angefangen habe, frage ich mich ‚wie können wir alles größer und besser machen?‘ Es ist schwierig, weil wir in den Vereinigten Staaten so viele verschiedene Gruppen haben, die nicht alle zusammenarbeiten. Eines meiner großen Ziele ist es deshalb, alle dazu zu bringen, als Einheit zu arbeiten, damit andere Bereiche davon profitieren können. Ich glaube, dass der Sport viel ungenutztes Potential hat … man bekommt aber nur so viel heraus, wie man hineinsteckt und die Firmen wissen das; ohne Investitionen gibt es kein Wachstum und ich habe diese Lernkurve schon in Aktion gesehen. Ich war Teil vieler solcher Teams und zu irgendeinem Zeitpunkt kommt es zu einem Stillstand, weil man aufgehört hat, zu geben und zu investieren. Ich glaube, dass jeder in der ganzen Kette von einer Zusammenarbeit aller profitieren könnte. Ich will das nicht steuern, aber zumindest eine Stimme dabei dabei haben. Das ist also ein Bereich: Was ist der nächste Schritt für die MX/SX – alleine kann ich aber nichts bewegen.“

Dann ist da noch dein Coaching-/Bildungsprogramm The Mind Champion. Was hat es damit auf sich?
„Es handelt sich um mein erstes Projekt und schon bald wird es dazu Neuigkeiten geben. Wir haben schon viele Inhalte, Interviews und Filmmaterial dafür gesammelt. Sogar mit Roger [De Coster]. Das wird sicher toll für all die Kids im Sport – egal, welche Klasse. Für mich geht es dabei darum, mein Wissen und meine Erkenntnisse (und vielleicht etwas Weisheit) weiterzugeben und zu vermitteln, wie ich dieses Niveau erreichen konnte. Am Ende sind die Fahrer das treibende Moment. Es ist nicht hilfreich, wenn sie ihre Position und ihre Vorbildfunktion nicht erkennen. Es sehen viele Leute zu und es trägt zum Wachstum dieses Sports bei.“

Ryan Dungey (USA) 2018 © Simon Cudby

Fotos: Marco Campelli | Sebas Romero | Simon Cudby