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Hinter jedem schnellen Fahrer

…. steckt auch ein engagierter Mechaniker. Kelly Lumgair zählt zu diesem Kreis. Der Südafrikaner arbeitet in der AMA 250SX Supercross-Serie an den Bikes von Ken Roczen (und auch Marvin Musquin); der dieses Wochenende die Chance hat, den Titel der Westcoast-Championship beim Finale in Las Vegas zu erobern. Kelly Lumgair, der vor seiner Tätigkeit im Red Bull KTM Team in den USA auch  im Motocross-Sport in Europa erfolgreich den Schraubenschlüssel schwang und mit Tyla Rattray 2008 den WM-Titel gewann, stand uns gerne Rede und Antwort.

 

Abgesehen von einem Jahr hast Du in stets im orangefarbenen Klamotten gesteckt und für KTM gearbeitet, nicht wahr?

Kelly Lumgair: Ja, ich kam vor 11 Jahren nach Europa und habe bis auf eine Saison immer an KTM-Bikes gearbeitet, sowohl für das Werk als auch für private Teams. Meine erste Saison in einem werksunterstützten Team war 2004 mit dem niederländischen Champ-Team. Danach ging es immer weiter. Seit vier Jahren arbeite ich nun für KTM in den USA.

 

Du bist Rennmechaniker für Ken Roczen, wie muss man sich das vorstellen?

Kelly Lumgair: Grundsätzlich gilt es die Technik der SX250F-Maschinen zu warten und in Schuss zu halten, mit denen er trainiert und die Rennen fährt. Dazwischen liegen jede Menge Reisen zu den Rennen, wobei wir meistens fliegen. Der Kontakt zum KTM-Werk in Österreich ist eng, wir tauschen uns laufend aus. Wenn wir Ideen oder Vorschläge beitragen können, fallen diese stets auf fruchtbaren Boden. Das macht es besonders angenehm. Alle Fakten und Beobachtungen, die wir gemeinsam anhäufen, gehen durch eine Art Filter-Prozess, so dass die cleversten und besten Ideen am Ende in die Serienproduktion einfliessen können. Dieser praxisbezogene Aspekt ist uns allen sehr wichtig.

 

Euer Terminkalender besteht aus 17 Supercross- und 12 Motocross-Rennen plus Cross der Nationen und Monster-Cup. Das macht locker über 30 Rennwochenenden pro Saison….  

Kelly Lumgair: Stimmt, es hört nie wirklich auf. Im Januar geht es mit Supercross los, darauf folgen schon die Outdoor-Wettbewerbe. Nur im September gibt es mal ein oder zwei Wochen keine Wettbewerbe. Aber dann geht es schon wieder weiter mit Arbeit und Testfahrten für die kommende Saison. Die Jahre vergehen schnell!

 

Aus Mechaniker-Sicht: Was ist der größte Unterschied, wenn man diesen Job in Europa oder Amerika ausübt?

Kelly Lumgair: In den USA wird durchgehend in Hotels genächtigt, in Europa wird mehr mit dem LKW gereist, das Arbeitsleben und auch die Übernachtungen finden eher an den Strecken statt. Tingelt der MX-Zirkus durch Europa, werden eher soziale Kontakte und Freundschaften geknüpft. In Amerika wird zu den Events eingeflogen und anschließend fliegt jeder wieder nach Hause.

 

Drei Mechaniker für insgesamt drei Fahrer: Ist es zutreffend, wenn man Euch bei KTM USA als eingeschworener Haufen bezeichnet?  

Kelly Lumgair: Ja, das ist aber auch kein Wunder, wenn man die meiste Zeit zusammen unterwegs ist. In der Werkstatt, auf der Teststrecke oder unterwegs am Flughafen. Wir sind ein bißchen wie verheiratet, aber nur fast….

 

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Ken Roczen aus? Ist er in technischer Hinsicht besonders  anspruchsvoll?

Kelly Lumgair: Er weiß immer genau, was er will. Ihn zufrieden zu stellen, ist aber nicht schwierig, weil er so unglaublich talentiert ist und mit allem gut zurecht kommt, auch wenn sich einmal die Strecke oder die Bedingungen ändern. Ken kann sich gut anpassen und ist deswegen punkto perfektem Set-up gar nicht so streng. Er ist mit der Fähigkeit gesegnet, auf´s Bike zu springen, so wie es ist, und Gas zu geben, ohne weiter darüber nachzudenken oder sich verrückt zu machen.

 

Geht Ken hart mit dem Material um, so dass man als Mechaniker mehr arbeiten muss?

Kelly Lumgair: Nein, sein Fahrstil ist gefühlvoll und materialschonend; eigentlich ist er diesbezüglich der Einfachste, mit dem ich je gearbeitet habe. Sagen wir, ich inspiziere einen Motor nach 15 Betriebsstunden, dann sehen die Innereien verschleißtechnisch aus wie sonst nach einer Stunde Gebrauch. Ähnlich ist es bei den Chassis-Komponenten. Selbst nach einem kompletten AMA-Rennwochende sind an Roczens Bike kaum Gebrauchsspuren zu finden. Materialtechnisch ist Ken also eher sanft und behutsam einzustufen.

 

Nach all diesen Jahren – was macht diesen Mechanikerjob so reizvoll?

Kelly Lumgair: Der Job bringt es mit sich, dass man eher hart und auch viele Stunden mit Arbeit ausgelastet ist. Wenn der Fahrer mit auf´s Podest steigt oder sogar siegt, ist das eine schöne Belohung. Am meisten Nervenkitzel und Anspannung für mich ist jedoch in den Minuten vor dem Start, wenn der Fahrer sich vorbereitet. Du hast alles getan, aber es bleibt dieser Rest Ungewissheit, weil jetzt alles von seiner Performance abhängt. Diese kurze Spanne ist sehr speziell und sorgt bei mir immer wieder für Gänsehaut.