Im Gespräch mit Dean Wilson

Der KTM BLOG traf den neuen Red Bull KTM Star Dean Wilson, der für das Werksteam in der AMA Supercross und Motocross Meisterschaft um Punkte kämpft, und sprach mit ihm über Rennsport, Druck, Red Bull und sein neues Team.

Neben Tommy Searle, der für KTM in der FIM MXGP Motocross Weltmeisterschaft an den Start geht, ist Dean Wilson eine weitere britische Neuverpflichtung, die in der Saison 2015 für das Red Bull KTM Werksteam in der amerikanischen SX- und MX-Meisterschaft um Punkte fährt. Wilson, geboren in Schottland, aufgewachsen in Kanada, lebt seit einigen Jahren in den USA. Der 23-Jährige ist als extrovertierter Spaßvogel bekannt, hat eine riesige Social-Media-Fangemeinde und bereits einen AMA-Meistertitel gewonnen.
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„Den Titel in der 250MX-Klasse zu gewinnen, war großartig und seine Leistung war beeindruckend,“ sagte der bekannte Journalist Steve Matthes, der für das einflussreiche RacerX Magazine schreibt. „Zu der Zeit, hatte er auch ein paar Siege in der 250SX-Klasse eingefahren und war so nah am Titel, dass es fast nur noch eine Formalie zu sein schien. Abseits des Motorrads ist er ein großartiger, sehr lustiger Mensch, sehr professionell und er hat eine Familie um sich, die in unterstützt. Aber dann verletzte er sich und verlor die 250SX-Meisterschaft (er ist der Fahrer mit den meisten 250SX-Siegen, der keinen Titel gewonne hat). Mitch Payton hat mir einmal erzählt, das Dean über alle Maßen talentiert ist, aber bisher konnte er es noch nicht umsetzen.“

Wie viele Athleten, die lange und intensive AMA Supercross- und Motocross-Saisonen absolvieren, hatte auch Wilson mit Verletzungen zu kämpfen. Bei der Vielzahl an Rennen und Veranstaltungen, kann schon die kleinste Verletzung das Saisonende bedeuten. Nach seinem überzeugenden Titelgewinn in der AMA 250MX-Klasse in der Saison 2011, versucht Dean an diese Erfolge anzuknüpfen. In der Vergangenheit hatte Red Bull KTM Teammanager Roger De Coster bereits mehrmals versucht den jungen Fahrer unter Vertrag zu nehmen, bevor es ihm im letzten Herbst endlich gelang. Seitdem gewöhnt sich Wilson an das neue Team und das neue Motorrad, mit dem das KTM Team in der Saison 2014 die ersten beiden Plätze in der Lucas Oil AMA Motocross Pro Championship belegte.

Wir treffen uns bei Dean zu Hause, nur zehn Minuten Fahrt vom amerikanischen KTM Headquarter in Murrieta entfernt. Seine überaus freundlichen Eltern Jacky und Andy versorgen uns mit Tee und schottischem Shortbread, bevor wir zu einem kleinen Fotoshooting aufbrechen. Draußen begrüßt uns die kalifornische Sonne und die winterliche Motocross-Szene (Strecken, vollbeladene Pick-Ups und Rennsport) ist bereits in vollem Gange.

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Jetzt trägst du endlich die KTM Farben. Das Team hat sich schon länger um dich bemüht?
„Für die Saison 2013 hat KTM mir zum ersten Mal ein Angebot gemacht, da hatte ich aber schon eine Abmachung mit dem Jeff Ward Team, aus der am Ende nichts geworden ist. Sie boten mir ein weiteres Mal einen Platz in ihrem Team an, was ziemlich cool war, aber ich fühlte mich Pro Circuit und meinen Sponsoren verpflichtet. Ich unterschrieb einen Zweijahres-Vertrag mit Mitch (Payton, Pro Circuit Besitzer und Teamchef( für 2013 und 2014. Für 2014 erhielt ich erneut ein Angebot von KTM. Mit Roger (De Coster), Ian (Harrison) und dem großartigen, erfolgreichen KTM Team war es eine schwere Entscheidung, das Angebot auszuschlagen.“

Roger zeigte also Verständnis, als du ihn anfangs abgewiesen hast?
„Wir trafen uns bei Starbucks! Die Situation war schon ein bisschen unangenehm, aber ich glaube er hat akzeptiert, dass ich die Verpflichtungen gegenüber meinem Team erfüllen wollte. Jetzt arbeiten wir doch zusammen und er ist sehr hilfsbereit und interessiert daran das Motorrad weiter zu verbessern.“

Es war also eine von diesen Situationen, in der du deinen Kaffee so schnell wie möglich trinken wolltest?!
„Ja … und nachdem ich ihm meine Entscheidung mitgeteilt hatte, gab es nicht mehr viel zu sagen und es wurde peinlich still. Wir haben uns damals darauf geeinigt, in der Zukunft noch einmal über einen Vertrag zu sprechen … und hier sitzen wir nun.“

Wie kommst du mit Roger zurecht? War er am Anfang irgendwie einschüchternd?
„Er ist sehr professionell … und gleichzeitig sehr ernst. Aber ich bin bereits für Mitch gefahren und er kann auch ziemlich krass sein! Ich denke, wenn du einmal mit Mitch gearbeitet hast, dann kommst du mit jedem zurecht. Du musst einfach immer nur dein Bestes geben.“

Alles in allem ist das eine große Veränderung in deiner Karriere?
„Seit 2006 bin ich für Kawasaki gefahren und fühlte mich den Grünen verpflichtet. Es war also schon komisch, die Farbe zu wechseln und auf einmal einen orangen Kotflügel vor mir zu sehen. Aber insgesamt war es eine gute Entscheidung und wenn ich anfange gute Resultate zu erzielen, werde ich auch ein bisschen zufriedener sein.“

Viele, vor allem jene, die die Szene nicht ganz genau verfolgen, sehen dich als ‘Ken Roczen Ersatz’. Wie denkst du darüber?
„Ich fühle mich geehrt, für dieses Team fahren zu können und zu wissen, dass sie an mich glauben, mich als konstanten und potentiellen Siegfahrer sehen. Nach den schwierigen Jahren, die ich hinter mir habe, bedeutet mir dieses Vertrauen sehr viel. Ich galt als vielversprechendes Talent und möchte diese Saison einfach nur ohne Verletzungen überstehen. Die Verletzungen verursachen eine kleine mentale Blockade im Kopf und du denkst immer nur darüber nach, dich nicht wieder zu verletzen, aber man kann sein Leben nicht in Watte verpackt verbringen. Außerdem will niemand jemanden verpflichten, der immer verletzt ist. Ich möchte einfach nur gute Ergebnisse einfahren und die Saison ohne Verletzungen beenden.“

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Hast du das Gefühl, dass dir die Zeit davonläuft? Es gibt einen gewissen Druck gute Ergebnisse einzufahren und du bist kein Neuling in der 250MX/SX Klasse?

„Definitiv. Ich bin fünf Jahre in der kleinen Klasse gefahren und habe davon eigentlich zwei durch Verletzungen versäumt. Es ist verrückt, dass das bereits mein sechstes Jahr als Profi ist. Ich erinnere mich noch an meine Rookie-Saison als wäre es gestern gewesen. Teams erwarten Ergebnisse, das ist, was am Ende zählt. Was momentan in der 450er Klasse abläuft, ist unglaublich. Hier gute Ergebnisse einzufahren, braucht jetzt viel mehr Einsatz als in der Vergangenheit. Wenn du keinen guten Start hast, dann ist es schwierig, sich durchs Feld nach vorn zu arbeiten. Das ist definitiv die stärkste Klasse, in der ich bisher gefahren bin.“

Wie ist das Arbeitsumfeld bei KTM im Vergleich zu Pro Circuit?
„Ich habe die Jahre bei Pro Circuit sehr genossen, auch wenn es hier und da ein paar Probleme gab. Trotzdem kann ich nichts Schlechtes sagen. Ich hatte einen großartigen Mechaniker und die Umgebung und die Leute waren fast so etwas wie eine Familie, weil man sich so gut kennt. Als ich zu KTM kam, war natürlich alles neu, aber ich bekomme alles, was ich ausprobieren oder testen möchte. Das ist ziemlich cool. Ich bin froh, dass ich Kawasaki unter guten Bedingungen verlassen habe und ein Neustart ist immer gut und ich kann mich ehrlich nicht beschweren. Ich versuche immer noch ein Gefühl für das Team und das Bike zu bekommen. Was ich besonders mag, ist, dass meine Trainings-KTM im Prinzip mit meinem Rennmotorrad identisch ist. Das hatte ich vorher nicht. Das bedeutet, wenn ich zu den Rennen komme, muss ich mich nicht erst umstellen.“

KTM hat sich immer weiterentwickelt, um jetzt eines der konkurrenzfähigen Topteams in den AMA Meisterschaften zu sein. Das war nicht immer so …
„Letztes Jahr haben sie die Plätze 2-3 in der AMA SX-Meisterschaft und 1-2 in der AMA MX-Meisterschaft belegt. Man kann also sagen, dass sie ein Topteam sind. Sie sind hier, um zu gewinnen, genauso wie ich, aber ich muss mich noch steigern, um dorthin zu kommen. Beim ersten Rennen in Anaheim und Phoenix lief es nicht besonders gut für mich, aber ich glaube, dass ich an die Spitze kommen und Siege einfahren kann.“

Welche Vorteile hast du als Red Bull Athlet?
„Das Großartige an Red Bull ist, dass ich ihr Trainingscenter besuchen konnte, wo wir einige Tests gemacht haben. Per (Lundstam, Fitness-Guru) ist ein ziemlich cooler Typ mit viel Wissen und Erfahrung in diesem Bereich. Bei der Analyse der Ergebnisse zeigte sich, dass ich allergisch auf Eier und Mandeln reagiere, die ich die ganze Zeit gegessen habe! Das war ziemlich aufschlussreich. Red Bull wird alles nur Mögliche tun, um ihren Athleten zu helfen, das nächste Level zu erreichen und voranzukommen.“
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Wie ist die 450 SX-F? Natürlich hat sie zwei Räder und einen Lenker, aber hat das Bike einen speziellen Charakter?
„Ja. Ich bin eher ein großer Fahrer – um die 185 cm – und ich glaube die Kawasaki ist eines der größeren Motorräder, aber an der KTM ist besonders toll, dass es sehr einfach war, sie an mich anzupassen. Nach den ersten Tests hatten wir das Bike ziemlich schnell auf mich eingestellt. In der Art, wie es sich anfasst und wie es sich bewegt, fühlt es sich definitiv anders an als ein japanisches Bike. Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt fühle ich mich richtig wohl. Ich bin kein besonders kleinlicher Fahrer. Ich bin bereit, neue Dinge auszuprobieren. Ich werde mein Bike selten als Entschuldigung benutzen; normalerweise liegt es am Fahrer! Meine Federung ist gut und das einzige, wobei ich wirklich kleinlich bin, sind die Hebel oder der Lenker.“

Was denkst du über die Supercross-Serie? Es scheint, als hätte die Serie alles Nötige, um weiter zu wachsen?
„Teil dieser Serie zu sein – oder sogar nur in der Lage zu sein, mit Motocross-Fahren seinen Lebensunterhalt zu verdienen – ist großartig. Ich möchte, dass dieser Sport weiter wächst und irgendwann so bekannt ist wie die MotoGP oder NASCAR. Letztes Jahr waren wir in Kanada und für mich persönlich ist es eine Schande, dass wir dieses Jahr nicht wieder dort fahren, aber Hauptsache wir haben weiterhin ausverkaufte Stadien.“

Könnte es auch Rennen in anderen Ländern geben?
„Das wäre so cool, wenn wir so um die 25 Rennen hätten, aber weltweit – Amerika, Europa, Asien, das ganze Jahr über. Ich mag auch die Outdoors (Motocross), aber es ist ziemlich anstrengend die Supercross-Saison mit 17 Rennen zu fahren, ein Wochenende frei zu haben und dann direkt in die zwölf Outdoor-Rennen zu starten. Dann sind da noch die Nations, Red Bull Straight Rhythm und der Monster Energy Cup, bevor man anderthalb oder zwei Monate hat, um zu trainieren und zu testen, bevor die neue Saison losgeht. Um in diesem Sport zu bestehen, braucht es in meinen Augen eine kleine Pause, denn der aktuelle Terminplan ist verrückt. Motocross-Fans können das vielleicht nicht nachvollziehen – und das ist auch gut, denn wenn ich ein Fan wäre, fände ich es auch cool, wenn jedes Wochenende ein Rennen wäre – aber gleichzeitig bedeutet es so viel Stress für die Fahrer.“

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Du bist erst 23, aber kannst du nachvollziehen, warum manche Fahrer ihre Karriere mit 27 oder 28 beenden?
„Absolut. Für den Körper ist es eine große Belastung. Wenn du jung und unbefangen bist, dann macht es Spaß. Wenn du müde bist, machst du eine Pause, trinkst ein Gatorade, isst Mittag und gehst zurück auf die Strecke. Wenn du Profi wirst, verändert sich alles und man kommt in ein Programm voller Rennen, Fitnesstraining und richtiger Ernährung; zum professionellen Rennfahren gehört viel mehr als viele denken. Dazu gehört eine Menge Einsatz und Engagement. Das Fahren ist großartig und es macht mir viel Spaß aufs Motorrad zu steigen, aber dieses gewisse Engagement ist der Grund, warum viele es nicht bis zum Profi schaffen. Mann muss einen Weg finden, es zu genießen. Wenn du schlechte Ergebnisse einfährst, kann dich das die ganze Woche verfolgen. Die Leute fangen an negativ über dich zu sprechen und du fühlst dich schlecht. Du musst stark sein und das Positive sehen. Das versuche ich gerade zu lernen und ich denke das ist ein wichtiger Schritt und Lernprozess in einer Karriere und hilft gegen Burn-Out, denn man steht immer unter Druck. Mann muss eine gute Balance finden, um in diesem Sport erfolgreich zu sein und das ist nicht einfach.“

Du bist jetzt in der KTM Welt angekommen. Eröffnet dir das auch Möglichkeiten andere Bikes zu testen oder vielleicht in Zukunft in anderen Klassen zu fahren?
„Ich habe noch ein paar gute Jahre, in denen ich das tue, was ich liebe und hoffe, dass das Beste noch vor mir liegt. Nach den Verletzungen ist es aber einfach schon genug, dass ich mit dem Rennsport weiter meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Wenn das ganze ohne Druck möglich wäre, wäre es noch besser.. Ein Teil der KTM Familie zu sein und die Möglichkeit zu haben, andere Dinge auszuprobieren – wie die Dakar oder die amerikanische GNCC Offroad Serie – ist cool …“

Oder ein Start im Grand Prix?
„Supercross und Motocross in den USA hat für mich höchste Priorität, aber ich möchte eine gute Beziehung zu KTM aufbauen und irgendwann im GP starten. Die Sache am MXGP ist, dass es nicht so leicht ist, wie jeder denkt. Bei den Nations bin ich gegen die besten Europäer gefahren, auf ihren Strecken und sie sind so schnell. Ich glaube zwar, dass ich genauso schnell bin wie sie, aber es ist nicht so, wie viele Leute denken, dass man eine AMA Karriere beendet und dann nach Europa geht, um dort einfach Podiumsplätze einzufahren. Man muss hartarbeiten, um dort erfolgreich zu sein.“
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Fotos: Ray Archer